Geschichte


Es war einmal...

Als es noch keine Brücke über den Jordan gab, war der Weg von Osternburg zum Bahnhof lang und beschwerlich. Kaum einer besaß damals ein Auto. Und so fuhren viele Menschen mit der Fähre über den Stau. Das war für Fußgänger der kürzeste Weg. Heinrich Heeren, den alle nur Heini vom Stau nannten, wriggelte bis ins Jahr 1957 fast drei Jahrzehnte lang die Oldenburger auf seinem kleinen Boot auf die jeweils andere Seite. War die Fähre gerade am anderen Ufer, riefen die ankommenden Fahrgäste: Hol öwer!, und ließen sich auf einer Bank an der Huntestraße nieder, bis Heini sie abholte und übersetzte. War die Fähre am diesseitigen Ufer festgemacht, klopften die Fahrgäste an die Tür des kleinen Fährhäuschens, in dem Heini im Winter vor dem bollernden Kanonenofen saß und zumeist seine Pfeife rauchte, Geschichten aufschrieb oder Bilder seiner Umgebung mit einem Kugelschreiber zeichnete. Früher war Heinrich Heeren auf allen sieben Weltmeeren geschippert, im Jahr 1928 im Alter von 50 Jahren kam er – wohl auch seiner Frau Anna zuliebe – zurück an Land und fand seine neue Aufgabe als Fährmann vom Stau, über den er für die kommenden 29 Jahre die Menschen beförderte. „Alle Fahrten aneinandergekettet werde ich wohl schon nach New York und zurück gerudert sein“, sagte Heini einmal der Nordwestzeitung. Eine Überfahrt kostete 10 Pfennig. „Wir Kinder aus der Huntestraße durften oft umsonst mitfahren“, erinnert sich Hobby-Autorin Hanna Seipelt. „Wir hielten die Hände ins Wasser und fühlten uns wie die Seeleute auf großer Fahrt.“ Sonntags brachte die kleine Hanna dem Fährmann ein Stück vom selbstgebackenen Kuchen und „stibitzte“ ihrem Vater manchmal eine Zigarre. Heini rauchte sie – in seiner Pfeife. Doch die Zeiten änderten sich. Der Jordan wurde überbrückt. Der Weg von und nach Osternburg war längst nicht mehr so beschwerlich. Und der Fährmann verzeichnete immer weniger Fahrgäste. Am 4. Oktober 1957 beschloss Heini vom Stau im Alter von 78 Jahren, dass es Zeit war, in Ruhestand zu gehen. Am Tag zuvor war ein etwa zehn Jahre alter Junge ins Fährhaus eingebrochen und hatte Heinis Tageseinnahmen von sieben D-Mark gestohlen und innerhalb einer Stunde mit seinem Bruder auf dem Kramermarkt durchgebracht. Ob dieses Ereignis Heini zum Aufhören veranlasste? Am 5. Oktober 1957 hieß es jedenfalls zum letzten Mal am Stau: „Hol öwer!“